Geschichtsvergessen?

Erinnerungsvereine ersetzen weder Erinnerung noch Geschichte

natzgedenk

Nationale französische Gedenkstätte „Struthof“ auf dem Gelände des ehemaligen KZ Natzweiler-Struthof mit dem Denkmal „Für die Märtyrer und Helden der Deportation“.

(tutut) – Der sogenannte „Geschichtsverein für den Landkreis Tuttlingen“ residiert mit dem Kreisarchivar als Vorsitzenden im Landratsamt. Das ist nicht unproblematisch. Da bekommt Geschichtsschreibung einen offiziellen Anstrich. Und der richtet sich stets nach gerade wehenden Winden, ob dies jemand will oder nicht. Dass die Dürbheimer noch immer von einem „berühmtesten“ Sohn der Gemeinde träumen dürfen, ist mit ein Verdienst des Kreisarchivars, auch wenn der letztlich einsehen musste, dass gewisse Fakten nachdrücklich gegen eingebildete Dorfgeschichte sprechen. Und nun macht dieser „Geschichtsverein für den Landkreis Tuttlingen“  sozusagen gemeinsame Sache mit sogenannten Erinnerungsvereinen. Die wollen sich und andere an etwas erinnern, woran sie selbst keine Erinnerung haben. Bevorzugt sind Nazis und ihre Hinterlassenschaften das Thema. Besondere Berücksichtgung finden dabei KZ. Denn nichts ist einfacher, als Tausende von Jahren währende deutsche Geschichte einzudampfen auf zwölf Jahre, in denen Deutsche und Deutschland ewige Schuld der ganzen Weltgeschichte auf sich geladen haben. Als „Nazis“.

„Geschichtsverein für den Landkreis Tuttlingen“
Und so lädt nun dieser „Geschichtsverein für den Landkreis Tuttlingen“ ein zu einer Fahrt zum ehemaligen KZ Natzweiler-Struthof in den Vogesen.
Das liest sich so: „Geschichtsverein für den Landkreis Tuttlingen – Exkursion Das Konzentrationslager Natzweiler-Struthof 1941 bis 1945 – Datum: 23.09.2017, Uhrzeit: 07:00 Uhr, Kosten: 53.00 €, 49.00 € für Mitglieder. Weitere Informationen zur Veranstaltung: Am 21. und 23. Mai 1941 wurden 300 Häftlinge aus dem KZ-Sachsenhausen in das vom Deutschen Reich annektierte Elsass zum ‚Mont Louise‘ in die Berge der Vogesen verbracht. Sie mussten das Konzentrationslager Natzweiler-Struthof errichten. Daraus machte der nationalsozialistische deutsche Staat in den folgenden Jahren einen mörderischen KZ-Komplex mit zahlreichen Außenlagern. In unserer Region zählten dazu u.a. die Konzentrationslager Spaichingen oder die nahen Konzentrationslager in Schörzingen, Dautmergen, Bisingen und Schömberg. 52.000 Menschen waren im Lagerkomplex gefangen, mehr als 20.000 Menschen wurden durch schwerste Zwangsarbeit, Hunger, Krankheiten, Hinrichtungen und grauenhafte Menschenversuche ermordet. Im Rahmen von Führungen besuchen wir folgende Orte des Konzentrationslagers Natzweiler: den Granitbruch des SS-Unternehmens ‚Deutsche Erd- und Steinwerke‘ etwa einen Kilometer vom Lager entfernt, den Erschießungsplatz in der ehemaligen Sandgrube, die Ausstellungen im heutigen Museum auf dem KZ-Gelände, den sogenannten ‚Kartoffelkeller‘, das umzäunte KZ-Gelände, den Block ‚Menschenversuche‘, das ‚Krematorium‘ und die Gaskammer beim Struthof sowie unmittelbar neben dem KZ die Villa des Kommandanten mit Swimming-Pool. Die Exkursion ist eine Kooperation des Geschichtsvereins mit der Initiative Gedenkstätte Eckerwald e.V. und der Initiative KZ Spaichingen e.V.“.

„Exkursion“ einen Tag vor der Bundestagswahl
Wo fahren die nun hin, einen Tag vor der Bundestagswahl? Ist das Zufall oder ein bewusst ausgewählter Termin, um sich etwa einzustimmen „gegen Rechts“, weil viele Geschichsbesessene bzw. Geschichtsvergessene die Fakten irgendwie nicht auf die Reihe kriegen und die nationalen Sozialisten für rechte Krieger halten, obwohl Faschismus links und rechts sein kann, falls noch immer jemand meint, Menschenrechte nach irgendwelchen Richtungen deuten zu müssen und nicht danach, wozu Menschen seit Menschengedenken fähig sind, anderen Menschen anzutun, mit welchen Ideologien auch immer bemäntelt.

Wenn nun Franzosen ein ehemaliges von Deutschen im von Deutschland während des Zweiten Weltkriegs besetzten Gebiet als nationale französische Gedenkstätte betreiben, unter Regie des Verteidigungsministeriums, in einem ehemals deutschen Gebiet immerhin, welches Frankreich während des Dreißigjährigen Krieges annektiert hat, so stehen selbstverständlich im Mittelpunkt Frankreich und seine Sicht und Deutung der Geschichte. Dies sollte ein „Geschichtsverein“ wissen und berücksichtigen, denn sogenannten „Initiativen“ geht es nicht in erster Linie um Geschichte, sondern um eine ganz spezielle Gesinnung, um einen Kult, denn es ist absurd, vorzugeben, eine Erinnerung wach oder lebendig halten zu wollen, die manfrau weder hat noch hatte und die deshalb gar nicht lebendig war. Es handelt sich um eine Erinnerungsideologie. Insofern bleibt eben auch ein Straßburger Bischof des 14. Jahrhunderts mit Duldung eines Kreisarchivars in Dürbheim lebendig, weil man sich so an eine Erinnerung gewöhnt hatte, obwohl es sicherlich eine falsche ist. Gedenkstein und Straßennamen? Was solls!

So ist es nicht verwunderlich, dass dieser „Geschichtsverein“ in seiner „weiteren Informationen“ möglicherweise französische Geschichtsschreibung zum Teil übernimmt, die Fakten dabei etwas durcheinander geraten zu sein scheinen. Europäische Geschichte schreibt jedes Land für sich selbst, passend gemacht. Nur die Deutschen ließen es sich abgewöhnen, eine eigene Geschichte zu  haben. Wer mal versucht hat, als Historiker jenseits des Rheins zu recherchieren, merkt, dass Deutschand für Frankreich Ausland ist. Ein ganz schlimmes, denn das Trauma von 1940 hält Frankreich offiziell wach. Dazwischen wissen die Elsässer nicht, ob sie Männle oder Wieble sind und suchen ihre Identität.

Ab 1945: aus dem KZ wurde „Gefängnis“
Das KZ „Natzweiler-Struthof“, in Frankreich „Struthof“, ist ab 1. September 1944 aufgelöst worden, bestand damit etwas über drei Jahre. Die meisten Außenlager wurden unter diesem Namen später errichtet. Unter einem Kommando, welches im Raum Stuttgart als „Natzweiler-Struthof“ agierte. Nach der Auflösung des „KZ Natzweiler-Struthof“ betrieben die sich selbst zu Siegern erklärten Franzosen das KZ weiter, nun „Gefängnis“ genannt,  und steckten Deutsche und der Kollaboration Verdächtigte hinein. Diese zweite KZ-Zeit dauerte länger als die deutsche. Bis heute existiert über diese Zeit so gut wie keine Dokumentation. Seltsam, wenn es doch um Geschichte gehen soll. Ist sie nicht der Rede wert?  Zumindest der Redlichkeit st sie geschuldet.

Offiziell stellt sich die ehemalige  KZ-Stätte auf der eigenen website „Struthof.fr“. in einem heutigen Frankreich im Ausnahmezustand („Sicherheitsmaßnahmen im Kampf gegen den Terrorismus – Im Rahmen erhöhter Sicherheitsmaßnahmen im Kampf gegen den Terrorismus hat die Geschäftsleitung zu Ihrer Sicherheit am Eingang der Gedenkstätte Personen- und Taschenkontrollen angeordnet“) so vor:

„Am 21. April 1941 errichten die Nazis an einem ‚der Struthof‘ genannten Ort ein Konzentrationslager, das KL-Natzweiler…Am 23. November 1944 entdecken die Alliierten die Anlage, die seit September von den Nazis aufgegeben worden war…Von 1941 bis 1945 ist das KL-Natzweiler eines der mörderischsten Lager des NS-Systems. Fast 22.000 Deportierte sind hier gestorben“. Und:
„Das Gefängnis auf dem Struthof – Von 1945 bis 1948 diente das Camp als Gefängnis und unterstand zunächst dem Innenministerium, dann dem Justizministerium. Etwa 2500 deutsche Zivilpersonen, Männer, Frauen und Kinder, die in der Kampfzonen anwesend waren, wurden ab Januar 1945 interniert. Auch elsässische Bürger, die im Verdacht der Kollaboration standen, wurden hier gefangengehalten“. Mehr, Genaueres? Nix.

Denkmal „Für die Märtyrer und Helden der Deportation“
Danach geht es darum, den „Struthof“ als Gedenkstätte zu  erhalten. „Auf Grund des schlechten Zustands des Lagers wurde beschlossen, einen Großteil der Baracken zu zerstören, die dem schlechten Wetter nicht widerstanden hatten. Am 29. März 1954 fand die symbolische Einäscherung der Baracke Nr. 12 bei einer offiziellen Zeremonie statt und gab den Startschuss zu den Umbauarbeiten der Anlage in eine nationale Gedenkstätte der Deportation. Zahlreiche Persönlichkeiten waren bei dieser Feier anwesend:…Paul Demange, Präfekt des Bas-Rhin, ehemaliger Deportierter von Neuengamme; Georges Ritter, Vizepräsident des Conseil Général du Bas-Rhin, ehemaliger Deportierter; Camille Wolff, Abgeordneter des Bas-Rhin, ehemaliger Deportierter, Präsident des Freundeskreises der ehemaligen Internierten der Lager von Schirmeck und des Struthof; Yves Bouchard, ehemaliger Deportierter, Vertreter des Netzes „Alliance“; die Vertreter des Comité National du Struthof, der FNDIRP, der UNADIF, der UFAC sowie eine Delegation von ehemaligen deportierten Offizieren. 4 Baracken wurden zur Erinnerung an das Lager erhalten: Eine Schlafbaracke der Deportierten, der Küchenblock, der Zellenblock und der Block des Krematoriums. Heute werden die Standorte der damaligen Baracken durch Steinstelen verdeutlicht, auf denen die Namen der anderen europäischen Konzentrationslager verzeichnet sind. Die Exekutivkommission des nationalen Komitees wird durch das Dekret vom 2. Dezember 1954 geschaffen. Sie besteht aus ehemaligen Widerstandskämpfern, Internierten und Deportierten aus Natzweiler oder anderen Lagern. Sie hat die Aufgabe, alle notwendigen Maßnahmen zur Errichtung und anschließenden Instandhaltung des Denkmals zu ergreifen. Ein Dekret vom 5. Dezember 1954 genehmigt den Beginn einer nationalen Subskription. Ein imposantes Monument, dessen Gestaltung dem Chefarchitekten der Monuments historiques Bertrand Monnet anvertraut wird, kann auf Grund der großzügigen Spenden errichtet werden. 1956 wird eine Gedenkbriefmarke über das „Nationale Denkmal der Deportation“ herausgegeben, die das Nationale Komitee des Struthof und die Subskription finanzieren soll. Eine spezielle Feier zum Ersttagsstempel findet am 14. Januar 1956 in Natzwiller (Bas-Rhin) statt….. Die Einweihung des nationalen Mahnmals der Deportation – Am 23. Juli 1960 wird das Denkmal ‚Für die Märtyrer und Helden der Deportation‘ offiziell vom damaligen französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle, in Begleitung von ehemaligen deportierten Ministern eingeweiht: Edmond Michelet, Überlebender von Dachau und Pierre Sudreau, Überlebender von Buchenwald“.

„Exklusiv Verteidiungsministerium“
Nachzutragen wäre noch, dass die Inhalte der website staatlich sind in Zuständigkeit des Verteidigungsministeriums, handelt es sich ja um eine nationale französische Gedenkstätte. Insofern ist  also die „Geschichtsschreibung“ auch staatlich: „Der allgemeine Aufbau, die Texte, die bewegten oder nicht bewegten Bilder, der Ton, das Know-how und alle anderen Elemente, aus denen diese Website besteht sind exklusives Eigentum des Verteidigungsministeriums, mit Ausnahme der Elemente, die von den Partnern bereitgestellt wurden“.

Deutsche waren die ersten KZ-Insassen
Deshalb könnte es erwähnenswert sein, was die website verschweigt, was aber der Franzose Robert Steegmann – Dissertation über das KZ an der Uni Straßburg – in  Band 6 „Der Ort des Terrors – Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager“ C.H. Beck u.a. geschrieben hat über „Natzweiler – Stammlager“: „Die beiden ersten Häftlingstransporte kamen aus dem KZ Sachsenhausen: jeweils 150 Männer am 21. und 23. Mai 1941…Zwei Drittel der Insassen wurden als ‚Berfsverbrecher‘ oder ‚Asoziale‘ geführt. Abgesehen von zwei Tschechen und sieben Polen waren alle Häftlinge Deutsche…Zwischen Mai und Dezember 1941 befanden sich 536 Häftlinge im KZ Natzweiler…Die deutschen Häftlinge bildeten die große Mehrheit (454)…“ Dies waren die Anfänge des KZ, danach änderten sich Zusammensetzung und Kategorisierung der Häftlinge. Oktober 1943 war der Ausbau des Lagers beendet.

Anmerkung: Gestern ist im Alter von 87Jahren der in Oberndorf geborene Heiner Geißler  gestorben, ein verdienter, aber auch umstrittener CDU-Politiker, welcher während des Krieges zeitweise mit den Eltern in Spaichingen lebte. Eine jüngst zelebrierte  unsägliche „KZ-Gedenkveranstaltung“ mit Tafelenthüllung in Spaichingen ist ihm erspart geblieben, nachdem er als angekündigter Hauptredner aus gesundheitlichen Gründen abgesagt hatte.

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