Sonntag, Leute!

aberglaube

Uber den Aberglauben
Es wäre weit besser, überhaupt keine Vorstellung von Gott zu haben als eine, die seiner unwürdig ist. Das erstere hieße Unglaube, aber das andere Beschimpfung. Aberglaube ist nämlich in Wahrheit eine Erniedrigung der Gottheit. Plutarch äußert sich treffend zu diesem Gegenstand. »Gewiß«, sagt er, »wäre es mir bedeutend lieber, wenn viele Leute behaupteten, es gäbe gar keinen solchen Menschen wie Plutarch, als daß sie erzählten, es gäbe einen gewissen Plutarch, der seine Kinder zu verzehren pflegte, sobald sie geboren wären«, was die Dichter dem Saturn nachsagen. Wie aber die Beschimpfung um so größer ist, weil sie sich gegen Gott richtet, so ist die daraus entstehende Gefahr auch um so größer für den Menschen. Dem Atheisten bleiben noch Verstand, Philosophie, natürliches Gefühl, Recht und Achtung auf den guten Namen, welche allesamt als Führer zu einem äußerlich sittlichen Wandel dienen können, wenn auch die Religion fehlt. Der Aberglaube aber bringt sie alle zum Schweigen und beherrscht allein und unumschränkt die menschlichen Gemüter. Deshalb hat der Atheismus auch niemals Unruhen in Staaten zuwege gebracht, denn er macht den Menschen auf sich selber bedacht, weil er nicht über sich hinaussieht. Auch erweisen sich die zur Gottesleugnung neigenden Zeitalter (wie dasjenige des Kaisers Augustus) als gesittete Zeiten. Dagegen hat der Aberglaube den Sturz manches Staates herbeigeführt, weil er ein »primum mobile«, eine neue Urkraft darstellt, die verheerend den ganzen Staatskörper überfällt. Beim Aberglauben gibt das Volk den Ton an, und in diesem Punkte folgen Weise den Toren nach, und in verkehrter Reihenfolge passen sich die Ver-nunftgründe hinterher der Praxis an. Einige Prälaten auf der Kirchenversammlung von Trient, wo die Lehre der Scholastik Triumphe feierte, erklärten treffend, die Scholastiker machten es wie die Sternkundigen, die exzentrische Kreise, Epizyklen und ähnliche Gestaltungen der Himmelsbahnen erdichteten, um den Naturerscheinungen gerecht zu werden, obschon sie wüßten, daß dergleichen Dinge nicht vorhanden seien; und ebenso hätten die Scholastiker eine Anzahl spitzfindiger und verwickelter Lehrsätze ersonnen, um die Praxis der Kirche zu retten. Die Ursachen des Aberglaubens sind: gefällige und den Sinnen schmeichelnde Kirchengebräuche und Gepränge; Ubermaß an äußerlicher und scheinheiliger Frömmigkeit; übertriebene Ehrfurcht vor Überlieferungen, die die Kirche nur belasten; die dem eigenen Ehrgeiz und Gewinnstreben dienenden Kunstgriffe der vornehmen Geistlichkeit; die übergroße Begünstigung frommer Einfalt, dem Tor zu sonderbaren Neuerungen; das Bestreben, göttliche Dinge aus menschlichen Gesichtspunkten zu erklären, was nur Verwirrung von Begriffen hervorruft, und schließlich barbarische, namentlich mit Elend und Ungemach verbundene Zeitalter. Der unverschleierte Aberglaube ist abstoßend; denn wie es die Häßlichkeit eines Affen erhöht, daß er dem Menschen so ähnlich sieht, ebenso macht auch die Ähnlichkeit mit der Religion den Aberglauben um so abstoßender, und wie sich nahrhafte Speisen in kleine Würmer verwandeln, so verkehren sich gute Sitten und kirchliche Einrichtungen in eine Menge inhaltloser Bräuche. Es verfällt aber gar mancher erst recht in Aberglauben in dem Bestreben, den Aberglauben zu meiden; er entfernt sich dann nämlich allzuweit von den früher aufgenommenen abergläubischen Vorstellungen. Man hüte sich daher, daß nicht, wie bei schlechten Abführmitteln, das Gute gleichzeitig mit dem Schlechten ausgeschieden wird, wie es meistenteils geschieht, wo die Menge den Reformator spielt. (Francis Bacon, 1561-1626)

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