„Eine Heimsuchung“

Franz Weinmann: ein Priester büßte seine “Zeitmäßigkeit” im KZ

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Franz Weinmann, als Kaplan in Mannheim,1945 im KZ Dachau und 1975 auf einem Pfarrfest. Quelle: Hausacher online-chronik

(tutut) – Während katholische Bischöfe Pater Rupert Mayer aus dem Verkehr gezogen und ins Kloster Ettal gesteckt haben, damit er nicht weiter mit dem Regime im Dritten Reich streiten konnte, heute ist er ein Seliger, hatten Priester wie der gebürtige Deilinger Franz Weinmann nicht soviel Glück. Immerhin hatte er das Glück, drei Jahre das KZ Dachau zu überleben, im Gegensatz zu manchem anderen Priester oder Pfarrer. Die Kirchen hätten sehr wohl etwas tun können für ihr Bodenpersonal, sie haben es aber nur in seltenen Fällen getan.

Viel wichtiger war es ihnen, sich mit den Herrschenden gut zu stellen. So gilt ja das Konkordat zwischen Katholischer Kirche und Hitler noch heute. Franz Weinmann (1909 – 1996 ist nicht in Deilingen aufgewachsen, sondern ab 1912 in Hinterzarten, studierte im Badischen, wo er auch zum Prester geweiht wurde und war iber Stationen wie Mannheim, KZ Dachau, Heiligenzell bei Lahr, vor allem in Hausach tätig und im Ruhestand in Wittichen. Der Leiter der NBZ hat aus seiner Tätigket als Redaktionsleiter von Offenburger Tageblatt und Schwarzwälder Bote im Kreis Wolfach gute persönliche Erinnerungen an Dekan Franz Weinmann in Hausach als einen aufrechten, geradlinigen sympathischen Menschen. An dieser Stelle soll heute und in unregelmäßigen Abständen aus Weinmanns Aufzeichnungen an die Zeit im Dritten Riech und im KZ Dachau berichtet werden, aus seiner Niederschrift vom 11. April 1946 in Heiligenzell, dem Jahrestag sener Entassung aus Dachau unter dem Titel “Eine Heimsuchung – Seelsorgebriefe aus der Verbannung”.

Eine Heimsuchung
Seelsorgsbriefe aus der Verbannung
Von Franz Weinmann

Ein Heiligtum inmitten der Hölle August 1942
Bei unserem inneren, geistigen und religiösen Leben kommt uns zu Hilfe die Tatsache, daß wir Priester eine Kapelle haben. Es ist ein Privilegium, durch Vermittlung des Vatikans, von Berlin uns zugestanden. Wir wundern uns ja darüber. Und wir müssen das als große Wohltat anerkennen. Wir wissen zwar, daß es für die Zwecke des Lagers ein gutes Propagandamittel abgibt; für uns persönlich jedoch ist es ein großer Segen.

Täglich halten wir in aller Frühe, etwa um 4 Uhr, eine heilige Messe für uns. Zelebrieren darf bis jetzt immer nur der gleiche, der vom Lagerkommandanten eigens dazu bestimmt ist. Hoffentlich wird das mal anders. So viele Priester, und nur einer darf an den Altar. Die anderen gehen zur Kommunion. Jeder hat auf seiner inneren Handfläche eine Hostie liegen, die bei der Wandlung vom zelebrierenden Priester mitverwandelt wird. Und bei der Kommunion des Priesters gibt sich jeder selbst das Sakrament. Diese Praxis führten wir ein wegen Mangel an Zeit. Der Morgenappell ist so früh. Sehr oft pfeift es in die unvollendete heilige Messe hinein zum Antreten. Und dann muß Schluß gemacht werden, ob fertig oder nicht. Manchmal kommt es auch vor, daß die SS-Wachen die Gottesdienste stören. Zigarettenrauchend und irgendeine Gotteslästerung auf dem Munde führend, kommen sie herein. Es kam auch schon vor, daß sie dem zelebrierenden Priester den Befehl gaben, aufzuhören, besonders wenn sie betrunken waren. So müssen wir auch manches leiden, wegen der Kapelle, und der eucharistische Gott mit uns. Doch
das wollen wir gern ertragen.

Das Meßopfererlebnis und die sakramentale Vereinigung mit Christus in der Morgenfrühe jedes Tages ist die Wegzehrung für den Gang durch den harten, hungrigen und mit schwerer Arbeit angefüllten Alltag. Und in diesen vergangenen Wochen eines großen Hungersterbens ist es schon manchem zur wahren Wegzehrung für den Gang in die Ewigkeit geworden. Was ist es doch ein großes. Glück für uns: Unser kleines Heiligtum! Es ist unsere einzige übernatürliche Kraftquelle. Und wenn es untertags geschlossen und kein Besuch beim Herrn gestattet ist, dann ist die morgendliche Zwiesprache mit dem eucharistischen Gott um so wertvoller und begehrter. So ist das Heiligtum eigentlich unsere einzig wahre innere Freude inmitten des Leids, und unendlich viel Gnade strömt von dieser Stätte hinein in unsere Seele, unendlich viel Sege.n strömt von hier hinein ins Lager und über Stacheldraht und Mauer hinaus in die Welt. Und wir freuen uns, daß Christus, der sakramentale Gottmensch, die Gefangenschaft mit uns teilt und uns hilft, sie durchzustehen.

Christus im KZ! Ist es nicht etwas Sonderbares? Ist es nicht ein Widerspruch? Ganz gewiß! Nur weil sie die Kraft Christi nicht kennen, haben sie ihn hereingelassen. Nur weil sie an seine sakramentale Gegenwart nicht glauben, haben sie demjenigen hier Wohnung gegeben, den sie sonst so wütend und mit allen Mitteln bekämpfen und um dessentwillen sie uns hierhergebracht. Und weil w i r seine Allmacht und seine Liebe kennen, haben wir ihn freudig aufgenommen. „Und denen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden … Joh. 1,12.“ So ist es uns ein unsagbarer Trost, ihn hier bei uns zu wissen inmitten von Leid und Schmerzen, Hunger und Not,an der Stätte des Unrechts und der Ungerechtigkeit, des teuflischen Gottesund Menschenhasses, an einer Blut- und Todesstätte!

Ist es nicht letztlich ein Wunder der Allmacht Gottes, daß Christus im KZ ist? Was schadet er doch durch seine Gegenwart dem Teufel an seinem Werk, das der hier so groß gebaut! Was hindert er durch seine Gegenwart den Teufel an der Durchführung seiner Pläne! Warum hat Satan das nicht unterbunden? Weil er ohnmächtig ist gegen Gott und zuletzt ihm auch nur dienen muß. Ist es nicht ein Sieg Christi über Satan, daß es ihm gelungen ist, an „seine Stätte“ zu kommen als sein übermächtiger Gegenspieler? Ja, es ist ein Sieg Christi. Wir spüren hier gar oft die Wunder Gottes. Und Christi Gegenwart an
dieser Stätte ist für uns die sicherste Bürgschaft für Christi Endsieg auch über diese Hölle!

„Herr, laß genug sein…!“ Sommer 1942
Ich hatte vor Wochen ein kleines Erlebnis, das in seiner Schlichtheit eine große Seele verriet. Ein polnischer Priester ging mit mir auf den Ackern der Plantage zu unserm Arbeitsplatz. Er war ganz müde und matt. Der Hunger quälte ihn, wie uns alle in diesem Jahr. Unterwegs sagte er zu mir: „Mein lieber Freund! Ich kann bald nicht mehr. Ich bete manchmal: Gott soll mich sterben lassen. Das Kreuz wird mir zu schwer. Es geht mir wie dem Propheten Elias: ,Herr laß genug sein .. A‘ Dann aber komme ich mir wieder als
Feigling vor. Ich schäme mich, daß ich vor lauter menschlicher Schwäche um den Tod bitte, anstatt um die Kraft zum Kreuztragen und Aushalten.“

Ich konnte ihm zunächst nichts sagen. Die Wunde in seiner Seele lag zu offen da. Diese Offenheit und Ehrlichkeit, mit der er seine Seelenstimmung verriet, schloß mir den Mund. Ob es mir und vielen anderen nicht auch manchmal so erging? Wie oft sagen wir untereinander bei diesem Hungern und ständigen Abnehmen der Körperkräfte: Das ist kein Leben mehr, das ist nur noch ein Vegetieren. Wenn sie uns nur eine Kugel gönnen würden …Es wäre leichter als dieses langsame Dahinsiechen; denn so sieht unser
Leben in diesen Hungermonaten des Jahres 42 aus. Von der SS ist die Parole
ausgegeben: Verr…. sollt ihr durch Hunger! Und tatsächlich gelingt es ihnen.

Täglich sind wir 16 Stunden auf den Beinen bei der Arbeit. Die Kost besteht aus schwarzem Kaffee am Morgen, einer Kraut- oder Rübensuppe am Mittag und einer dünnen Wassersuppe, dem sogenannten „blauen Heinrich“, am Abend. Eine Folge davon ist, daß wir deutsche Priester im Juli und August 42 schon 65 unserer Mitbrüder verloren haben. Die polnischen Priester ungefähr das Dreifache, sind sie ja fast alle schon länger in Haft. Von ihren alten Leuten leben bald keine mehr. Die Sterbeziffer des Lagers beträgt
in diesen Hungermonaten täglich durchschnittlich 100 und mehr.

„Herr, laß genug sein!“ Dies Gebet des polnischen Kameraden ist verständlich. Hunger ist die Losung! Hunger, der Schmerzensschrei der Gefangenen dieser Zeit. „Herr, laß genug sein!“ Meinem Mitbruder aber sage ich nun: „Ich kann dich gut verstehen. Gott nimmt Dir das nicht übel. Aber weißt Du, mir fällt in unserer Lage in letzter Zeit immer das Gebet ein,
das ich auf mein Primizbil schreiben ließ: ,Herr, wo meine Kraft versagt, verlaß mich nicht.
Ps. 70,9.` Dieses Gebet scheint mir die beste Gegenlosung zu sein. Es hat mir schon oft geholfen. Um den Tod habe ich noch nie gebeten, weil ich trotz alledem nicht sterben möchte. Um Freiheit bete ich auch nicht, weil es aussichtslos ist. So bete ich eben im-
mer um das Durchhalten.

Wir haben uns dann auf diese Losung geeint: „Herr, wo meine Kraft versagt, verlaß mich nicht. Ps. 70,9!“ (wird fortgesetzt)

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