Was bleibt?

Der Zehnte bekommt eine ganz neue Bedeutung

von Frank Schäffler

Thomas Pikettys Buch „Das Kapital im 21 Jahrhundert“ ist in einer Hinsicht interessant. Doch es ist nicht seine These von der wachsenden Ungleichheit, die ich nicht teile, sondern es ist der Quell der vielen historischen Fakten.

So beschreibt er sehr detailliert die Entstehung der progressiven Einkommensteuer. Für Piketty ist die progressive Steuer „ein konstitutives Moment des Sozialstaates“. Daher könnte man auch meinen, sie sei eine Erfindung des Wohlfahrtsstaates. Doch weit gefehlt. Sie ist eine Erfindung des Krieges, seiner Finanzierung und deren Folgen.

Zwar führte Preußen bereits 1891 eine progressive Einkommensteuer ein, doch diese verdiente ihren Namen noch nicht: der Spitzensteuersatz lag bei 3 Prozent und wurde von 1915 bis 1918 auf 4 Prozent erhöht.

Richtig ab ging es erst nach dem ersten Weltkrieg. Die USA erhöhten ihren Spitzensteuersatz auf 77 Prozent, Frankreich auf 72 Prozent und Großbritannien auf 60 Prozent. Deutschland war 1920 mit einem Spitzensteuersatz von 40 Prozent ein „Niedrigsteuergebiet“. Nach dem nächsten großen Krieg, dem zweiten Weltkrieg, stiegen die Spitzensteuersätze erneut – in Deutschland, USA und Großbritannien auf 90 Prozent und mehr.

Es sind dann die Thesen, die Piketty daraus ableitet, die ihn als linken Ideologen entlarven. Nur weil zwei Zahlenreihen gleich verlaufen, heißt es noch lange nicht, dass es einen Ursachen/Wirkungszusammenhang gibt. So ist die These, dass mit dem Sinken der Grenzsteuersätze die Vermögensungleichheit zugenommen habe, genauso richtig wie die Aussage, der Rückgang der Geburtenrate habe etwas mit der Einführung des Farbfernsehers zu tun.

Der Einfluss des billigen Geldes und deren Umverteilungswirkung spielt in seinen Überlegungen gar keine Rolle. Auch die Umverteilungswirkung der „kalten Progression“ ist für ihn kein Thema.

Schon heute wird Pikettys Buch einen großen Einfluss für die Zukunft vorausgesagt. Der Nobelpreisträger und geistige Freund Pikettys Paul Krugman meint gar: „Dieses Buch wird die Ökonomie verändern und mit ihr die ganze Welt.“ Ich befürchte das auch. Denn man kann ihm nicht vorwerfen, er würde keine konkreten Vorschläge für eine gerechte Einkommensteuer machen. Er orientiert sich dabei an den Steuersätzen der Kriegsjahre: 82 Prozent Spitzensteuersatz! Der mittelalterliche „Zehnte“ bekommt dann eine ganz neue Bedeutung. Der Zehnte ist dann nicht mehr das, was der Steuerknecht abgeben muss, sondern was er behalten darf.

Frank Schäffler, geboren 1968 in Schwäbisch Gmünd, war von 2005 bis 2013 Abgeordneter des Deutschen Bundestages. In der FDP initiierte er 2011 einen viel beachteten Mitgliederentscheid gegen den Europäischen Stabilitätsmechanismus. Er ist Gründer des klassisch-liberalen Think Tanks „Prometheus – Das Freiheitsinstitut“ und ist Mitglied der Friedrich-August-von-Hayek-Gesellschaft.

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