Spaichingen und der 1. Weltkrieg

Vor dem Weltenbrand stand in Hofen der Farrenstall in Flammen

Heute reitet der Heilige Georg auf dem Spaichinger Friedhof gegen den Drachen. Einst erinnerte er (links am Bildrand) an die Opfer des 1. Weltkrieges neben der Stadtpfarrkirche gegenüber dem Rathaus, welches längst aus dem Stadtbild verschwunden ist. Warum werden in Deutschland  Gedenkstätten an Kriegsopfer schamhaft auf und an Friedhöfe verbannt? In anderen Ländern wird damit bewusster umgegangen, da bleiben die Toten des gegenseitigen Abschlachtens lebendige öffentliche Mahnung.

(tutut). Bevor noch jemand in Spaichingen auf die Idee kommt, die Erinnerungen an den 1. Weltkrieg ganz zur Zeitungsente werden zu lassen, müsste ein Blick wenigstens in die Spaichinger Stadtchronik genügen, um das Thema nicht der Lächerlichkeit von Stümperei auszusetzen. Gedenktage sind Stolpersteine der Geschichte, aber keine bunten Luftballons für Schreibversuche. Immerhin hat der 1. Weltkrieg, um nur eine Bilanz zu ziehen, 114 Spaichingern das Leben gekostet.

Die Spaichinger Stadtchronik schildert die Zeit des 1. Weltkriegs so:

„Die angespannte internationale Lage vor Ausbruch des 1. Weltkrieges beschäftigte die Spaichinger weniger als das kommunale Problem Nr. 1, die Farrenhaltung in Hofen! So kam es am 12. Mai 1914 im »Kreuz«-Saal zu einer Protestversammlung der Bürger gegen einen Beschluß der bürgerlichen Kollegien, die Farrenhaltung in Hofen zu belassen, nachdem dort der Farrenstall abgebrannt war. Die Versammlung forderte einmütig, den Farrenstall nicht wieder einzurichten.Dieses Thema hatte zuvor schon die kommunalen Wahlen in Spaichingen beeinflußt.

Am 31. Juli 1914 schrieb der »Heuberger Bote« von einem der »bedeutungsvollsten Tage seit den siebziger Jahren«. Der Kaiser hatte gerade den Kriegszustand angeordnet: »In kleinen Gruppen standen die Bewohner in Stadt und Land auf den Straßen und in erregten Besprechungen ihren Befürchtungen Ausdruck gebend«. Die Mobilmachung folgte, die Bürger reagierten mit Vorratskäufen auf die Situation, in den Betrieben kam es zu Engpässen, weil Mitarbeiter zum Militär eingezogen wurden.

Anfang August wurde die Bevölkerung aufgefordert, nach Einbruch der Dunkelheit die Wohnungen nicht zu verlassen, die Züge fuhren nach einem »Militärfahrplan«, Anlagen von Bahn, Post und der Wasserversorgung wurden von Streifen, zum Teil auch von Bürgern gestellt, überwacht. Der »Heuberger Bote« meldete schließlich: »Der Worte sind genug gewechselt, jetzt sollen Taten sprechen!« Auch das Deutsche Reich stand im Krieg.

Es herrschte eine gewisse Begeisterung in der Bevölkerung, die Siegeszuversicht war groß: »Wir wollen und werden den Endsieg davontragen und aus diesem Krieg hervorgehen als das stärkste Volk der Welt, um wieder mit unserer Friedensarbeit zu beginnen.« Mit der Länge des Krieges nahm die anfängliche Begeisterung ab, Todesmeldungen häuften sich, die Versorgungslage wurde schwierig, und die Landwirtschaft litt unter Futtermangel.

Der zunehmende Mangel in der Lebensmittelversorgung führte zu einem Schwarzmarkt, dennoch läßt sich sagen, dass die Situation der Bevölkerung während der Kriegsjahre in Spaichingen dank der vielen Nebenerwerbslandwirte nicht so prekär war wie in den Ballungszentren.

Kriegsanleihen wurden gezeichnet, Päckchen an die Front geschickt, Kleider gesammelt oder angefertigt für die Soldaten. Bucheckern mußten zur Ölgewinnung gesammelt werden, im letzten Kriegsjahr gab es 85 Pfennig für das Pfund, Anfang des Krieges nur 25 bis 30 Pfennig. Im Juli 1918 waren plötzlich infolge Kohlenmangels die Gasvorräte erschöpft.

Nach dem Waffenstillstand wurde das Kriegsende in der Bevölkerung nicht als militärisch Niederlage empfunden. In Württemberg kam es zum Umsturz, wobei die Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD) und Spartakisten eine Rolle spielten.

Die ersten Arbeiter und Soldatenräte entstanden, während die Mehrheitssozialdemokraten mit Zustimmung von König Wilhelm versuchten, eine neue Regierung zu bilden. Am 9. November riefen USPD und Spartakisten in Stuttgart die Republik aus, eine neue, vom Mehrheitssozialdemokraten Bios geführte Regierung bildete sich, in der nach Ausscheiden der Spartakisten drei Minister aus bürgerlichen Parteien mitwirkten.

Nachdem überall die deutschen Monarchen abgedankt hatten, verzichtete auch König Wilhelm am 30. November auf den Thron. Ein Ereignis, das in Spaichingen so gut wie keine Reaktion hervorrief.

Schon am 20. November war es im »Kreuz«-Saal zu einer Versammlung gekommen, mit dem Ziel, einen Bürger- und Arbeiterrat zu bilden, der für Ordnung sorgen sollte. Beschlossen wurde, einen Volksrat zu wählen, zu dem jede Partei (Zentrum, Sozialdemokratie und Volkspartei) je fünf Mitglieder stellen sollten.

Zentrum und Volkspartei handelten danach, in einer Versammlung von Kleinbauern und Arbeiterschaft wurde die Mitwirkung an diesem Bürger- und Bauernrat aber abgelehnt. Sie wählten am 23. November einen eigenen Arbeiterrat, welcher »auf dem Boden der provisorischen Regierung« stehen wollte. Der gesetzlich eingeführte Acht-Stunden-Tag – die Arbeitszeit wurde auf 8 bis 17 Uhr verlegt, weil es an Kohlen mangelte – und die Einführung des Wahlrechts für die Frauen waren Hauptthemen verschiedener Versammlungen“.

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