Es ist nie zu spät

Spaichingen: Eine City kann mehr sein als ein Waschbetonrevier

(tutut). Es war kein großer Wurf, sondern nur ein kleiner Schritt hin zum nächsten Betonbaukasten. Während andere Kommunen bald Grau raus und Farbe und Wärme in ihre Zentren hineinzutreiben versuchten, blieb Spaichingen seinem einmal ausgegebenen Rezept treu. Das Waschbetonrevier wähst und wächst, häutet und erneuert sich. Nachhaltigkeit nennen das die Grünen und die, welche auch meinen, es zu sein müssen, weil sie Bullshit für kleinen Zeitgeist halten.

Solange Spaichingen nicht wegkommt von seinem Betonbaukasten und Grau für Bunt hält, wird seine City ein unverkäuflicher Ladenhüter sein, allerdings mit immer weniger Läden. Kein Mostfest, egal mit wieviel Promille, ersetzt  die Phantasie, die nötig ist, um von einem städtebaulichen Stillstand und Rückschritt einen großen Wurf zu schaffen.

Altes lässt sich sehr wohl mit Neuem verbinden, denn so sind alle Kommunen gewachsen, die heute bewundert werden. In Spaichingen hat stets nur das tagesaktuell Neue das alte Abgebrochene ersetzt.

Der Gemeinderat war in früheren Jahren oft bewundernd unterwegs in Städten, wo Modernes mit Historischem konkurriert. Leider sind die richtigen Schlüsse nie daraus gezogen worden. Natürlich kann eine einstige Arme-Leute-Gegend heute kaum etwas vorweisen, was zu bestaunen lohnt, abgesehen von dem, was Lohn und Wohlstand bringt und leben lässt.

Nach der Gründerzeit im 19. Jahrhundert, welche ihre Marke in der Bahnhofstraße gesetzt hat, hat sich die Stadt im 20.Jahrhundert sehr stilunsicher weiter entwickelt, sprich: vor allem aber vergrößert. Im 21. Jahrhundert wäre nun Gelegenheit, sich aus einer städtebaulichen Verkrampftheit zu lösen, hinter die der Einzelhandel fast noch zurückfällt, schaut man mal nur auf fast bemitleidenswerte Slogans, welche Kunden locken sollen.

Die Stadt kann nur aus sich heraus es schaffen, der Anziehungspunkt zu sein und weiter zu werden, zu dem sie das Potenzial hat. Hierzu gehören das nötige Selbstbewusstsein und Phantasie, aber keineswegs kleines Karo, um mit frustrierten Dorfbürgermeistern um der Ziegen Bart zu streiten. Eine Stadt ist mehr als Rathaus oder Gemeinderat. Viel mehr.

Spaichingen kann mehr, es muss nur können wollen.Provinz findet in den Köpfen statt. Die Stadt hat die Chance zum Aufbruch. Auch dort, wo einst abgebrochen und aufgebrochen worden ist weg vom Straßendorf. Das ist 41 Jahre her! Jetzt sind es bereits die Sanierungsgebiete von heute. Es ist Zeit zu einem neuen großen Schritt. Wer zu den Quellen will, muss stets gegen den Strom schwimmen. Wer sich nur treiben lässt, weil es einfacher ist, wird nie dort ankommen.

Spaichingen ist nicht Magdeburg, das wird jeder sofort sagen, wenn er hier ein paar Fotos der der dortigen Grünen Zitadelle  sieht. Eines der letzten großen Architekturwagnisse von Friedensreich Hundertwasser. Wer den Spaichinger Marktplatz gewagt hat und sich immer noch an ihm festklammert, der kann alles wagen, was an Architektur und Städtebau in der Welt möglich ist. Denn da würde sich die Stadt nicht im geringsten etwas vergeben.

Magdeburg hatte mehr zu verlieren, ausgerechnet auf seinem historischen Zentrum mit Dom und Landtag die Grüne Zitadelle zu wagen. Ein Ensemble, das ein wahres Kunstwerk geworden ist, und dennoch nicht einfach wahllos in der Gegend herumsteht, sondern eine kleine Stadt für sich ist mit Wohnungen, Büros, Läden, Theater, Hotel. Warum sich mit Denkingen oder Frittlingen herumstreiten? Für welche Dinge sind die ein Maß? Es lohnt sich über den Tellerrand und in fremde Töpfe zu schauen. Es ist nie zu spät.

Die Grüne Zitadelle in Magedburg umschließt zwei Innenhöfe, aus keinem Fenster sieht man zwei Fenster mit der gleichen Form. Das Dach ist überwiegend mit Gras bewachsen, woher sich der Name erklärt. Das Gebäude beherbergt eine große Zahl von Bäumen. Einige wurden auf dem Dach gepflanzt, andere wurzeln an den Außenwänden der Wohnungen. Diese sogenannten „Baummieter“ befinden sich jeweils in der Obhut des betreffenden Mieters und werden von diesem gepflegt. Nach der Fertigstellung soll in den äußeren Zustand des Hauses möglichst nicht mehr eingegriffen werden. Durch das Wachsen der Bäume und das Verblassen der Außenfarbe wird es sich verändern und ein Gefühl des Alterns vermitteln. Die Mieter haben das Recht, die Fassade um ihre Fenster zu gestalten, soweit Arm und Pinsel reichen. In verschiedenen Geländern des Gebäudes sind symbolisch einige der Werkzeuge eingearbeitet, mit denen die Handwerker gearbeitet haben. Nach nur zwei Jahren Bauzeit war die Grüne Zitadelle mitten im Zentrum der Großstadt ferti.Kosten: 27 Millionen Euro. Nach Friedensreich Hundertwasser soll es  eine „Oase für Menschlichkeit und für die Natur in einem Meer von rationellen Häusern“ sein. Bauherr ist das Siedlungswerk St. Gertrud des Bistums Magdeburg, ein Servicedienstleister rund um die Immobilie im Bereich Verwaltung, Vermietung sowie Verkauf von Wohnungen und Immobilien. Das Projekt hat eine Fläche von 26 264 Quadratmetern bei 65 773 Kubikmetern Volumen.

 

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