KZ in Spaichingen, Schömberg, Dautmergen, Schörzingen, Erzingen: der Kriegsverbrecherprozeß in Rastatt

Der amtliche Bericht des Gerichts – Erstveröffentlichung im Kreis Tuttlingen (I)

(tutut).  Im April 1947 hat das Amtsblatt des französischen Oberkommandos in Deutschland das Ergebnis des 1946/47 in Rastatt stattgefundenen Kriegsverbrecherprozesses veröffentlicht. Der Text wurde zweisprachig abgedruckt, wobei der französische Teil als amtlich galt, der deutsche als Information. In diesem Prozeß ging es um Verbrechen durch Offiziere und Wachmannschaften in den fünf Außenlagern des elsässischen Natzweiler-Struthof in Spaichingen, Schömberg, Schörzingen, Dautmergen und Erzingen. Während in Spaichingen für die Oberndorfer Mauserwerke eine Fabrikationshalle hochgezogen werden sollte und Häftlnge auch in der Waffenproduktion eingesetzt worden sind, waren die anderen vier Lager fast ausschließlich zum Abbau von Ölschiefer eingerichtet worden.

Viele Details zu den KZ-Lager, auch in Spaichingen, sind erst verhältnismäßig erforscht worden. Der Kriegsverbrecherprozeß in Rastatt hat sich damit leider nicht aufgehalten, sondern sich allein auf die Zustände in den Lagern und eventuelle Schuldige konzentriert.  Da es nach dem Krieg auf deutscher Seite so gut wie keine Bemühungen gab, Vorgefallens aufzuklären und zu hinterfragen, dauerte es zum Teil auch in Spaichingen Jahrzehnte, bis Recherchen und Zufälle ein immer feineres Mosaik über das KZ-Lager bildeten.

Der amtliche Bericht des Rastatter Gerichts ist im Kreis Tuttlingen eine Erstveröffentlichung. Er kann durchaus als Ergänzung bisheriger Berichte dienen. Es wäre wünschenswert, wenn nicht nur lobenswerterweise die Erinnerung an das KZ in Spaichingen wachgehalten würde, sondern auch das heute vorallem international zugängliche Material, u.a. Zeugenberichte von Insassen, weiter aufgearbeitet würde. Denn noch sind längst nicht alle Quellen ausgeschöpft worden!

An dieser Stelle wird im ersten Teil auf den allgemeinen Prozeßbericht des Gerichts zu den fünf Lagern eingegangen und in einem zweiten Teil auf das Lager Spaichingen und die Urteile.

Der amtliche Bericht über die Lager von Schömberg, Schörzingen, Spaichlngen, Erzingen, Dautmergen
„Das Urteil stützt sich auf das Gesetz Nr. 10 des Kontrollrats vom 20. Dezember 1945 über Bestrafung von Personen, die sich Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen den Frieden oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht haben (veröffentlicht Im Amtsblatt des Französischen Oberkommandos in Deutschland vom 11. Januar 1946) und die Verordnung Nr. 36 des Commandant en Chef Francais en Allemagne vom 25. Februar 1946 über Strafverfolgung der Kriegsverbrechen, der Verbrechen gegen den Frieden und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit (veröffentlicht im vorgenannten Amtsblatt vom 8. März 1946).

Nach den Bestimmungen dieser Gesetze sind die Gerichte der Militärregierung des französischen Besalzungsgebietes für die Ab­urteilung aller derjenigen Personen — ausgenommen französische Staatsangehörige — zuständig, welche Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben.

Im Laufe des Jahres 1944 wurden Konzentrationslager errichtet, die zum Lager Natzweiler-Struthof gehörten und unter dem Namen „Nebenlager Natzweiler“ bekannt waren. Die Errichtung dieser Konzentrationslager erfolgte auf unmittelbaren Befehl Himmlers und be­zweckte die Durchführung eines Arbeitsplanes — des sogenannten Planes Gailenberg — im jetzigen Gebiet der französischen Besatzungszone, mit dem Ziele, auf intensive Art und unter ganz besonders harten und gesundheitswidrigen Bedingungen die petroleumhaltigen Schieferlager der Gegend auszubeuten und in gleicher Weise wichtige Arbeiten militärischen Charakters auszuführen.

In verschiedenen, von den Deutschen besetzten Ländern, namentlich in Belgien, Frankreich, Luxemburg und Polen, wurden Massenverhaftungen vorgenommen, und diese ermöglichten es den Deutschen, die alsdann deportierten Menschen bis zum Äußersten auszunutzen, wobei die Absicht dahin ging, einesteils mittels dieser Zwangsarbeit das Kriegspotential Deutschlands zu erhöhen, anderenteils die Elemente, die sich nicht gleichschalten ließen, auszumerzen oder sogar systematisch auszurotten.

Tausende dieser Deportierten, die aus verschiedenen Konzentrationslagern, insbesondere aus Natzweiler, Dachau, Danzig-Stutthof und Auschwitz kamen, wurden besonders in den Lagern von Schömberg, Erzingen, Schörzingen, Dautmergen und Spaichingen interniert.

47 ehemalige Chefs, Blockleiter, SS-Aufseher, „Kapos“ angeklagt
47 der ehemaligen Chefs dieser fünf letztgenannten Lager, Block­leiter, SS-Aufseher und „Kapos“, die bis jetzt gefaßt worden sind, erscheinen nun vor dem Höchsten Gericht zwecks ihrer Aburteilung.

Drei ehemalige SS-Offiziere des Lagers Natzweiler-Struthof, zu dem die fünf Nebenlager gehörten, erscheinen ebenfalls vor dem Höchsten Gericht, um sich wegen der von ihnen begangenen Verbrechen zu verantworten, aber nur soweit sie diese in ihrer Eigenschaft als Leiter und Aulsener der Nebenlager Schömberg, Erzingen, Schörzingen, Dautmergen und Spaichingen verübt haben.

Wenn diese fünf Nebenlager auch zu dem Lager Natzweiler-Struthof gehörten, aus dem die SS-Offiziere ihre Befehle erteilten und zur Vornahme von Besichtigungen kamen, besaßen die Lagerchefs ebenso wie die Blockleiter, die SS-Aufseher und die „Kapos“ dennoch eine gewisse Selbständigkeit und Befehlsgewalt, genügend, um die besonderen Verhältnisse des Lagers und die Arbeitsmethoden zu bestimmen, sodaß man sagen darf, daß sie tatsächlich in der Lage waren, selbstherrlich zu schalten und zu walten.

Verpflegung, Unterkunft, Bekleidung unzureichend
Aus vielen übereinstimmenden und erdrückenden Aussagen von Zeugen verschiedenster Nationalität, auch solchen deutscher Zeugen, geht hervor, daß die Internierten mittels der schlimmsten, vielfach kaum vorstellbaren Mißhandlungen, die mit ausgeklügelter Abscheulichkeit und Grausamkeit begangen wurden, zu aufreibender und erschöpfender Zwangsarbeit gezwungen wurden, und daß die Verpflegung, die Unterkunft und die Bekleidung gänzlich unzureichend waren.

Diese, den elementarsten Grundsätzen der Menschlichkeit zuwiderlaufende Behandlung hatte zwangsläufig den körperlichen Kräfteverfall und den moralischen Zusammenbruch zur Folge und führte zu einem langsamen Tode und zur systematischen Ausrottung einer großer Anzahl Internierter.

Wie in einer „wahren Hölle“
Das zusammengefaßte Ergebnis der Zeugenaussagen zwingt zu der Feststellung, daß die Internierten in Anbetracht ihrer Lebensbedingungen wie in einer wahren Hölle lebten.

Abgesehen von den zahllosen Mißhandlungen und Grausamkeiten und dem Fehlen jeglicher Hygiene befanden sich die Deportierten in einem Zustand dauernder Angst und seelischer Qual; sie lebten unablässig, Tag und Nacht unter dem Terror ihrer Aufseher, ein Zustand, der ihre elende Lage noch verschlimmern mußte.

Lebensmittel, die für die Internierten bestimmt waren, wurden von den Aulsehern unterschlagen, und diese Unterschlagungen verringerten die ohnedies im Verhältnis zu der aufreibenden Zwangsarbeit schon ungenügenden Lebensmittelrationen im beträchtlichen Maße.

In allen obengenannten Lagern war für die Unterbringung der Internierten weder Vorsorge getroffen worden, noch wurde sie später­hin organisiert; sie wurden unter menschenunwürdigen Verhältnissen in überfüllten Baracken zusammengepfercht, wo sie mit Ungeziefer und voller Läuse ohne irgendwelche Hygiene, meistens ohne Wasser und ohne Möglichkeit des Wäschewechselns, zu leben gezwungen waren.

Zementsäcke als Unterwäsche
Als ihre ganze Bekleidung besaßen die Internierten meistens lediglich ein Hemd, eine Jacke und eine Hose aus gestreiftem Kunstfaserstoff und nur ganz ausnahmsweise im Winter einen Mantel; einige dieser Unglücklichen trugen, um sich gegen Kälte und Unwetter zu schützen, selbst auf die Gefahr grausamster Bestrafung hin, als Unte­rzeug Zementsäcke aus Papier, die sie verbotenerweise auf der Arbeitsstätte an sich genommen hatten; sie hatten sehr schlechtes Schuhwerk und trugen meist Lappen oder Papier an den Füßen; sie mußten oft — selbst im Schnee — mit nackten Füßen marschieren.

Alle wurden mit eiserner Disziplin zu sehr schwerer Arbeit gezwungen, ohne Rücksicht darauf, ob sie zu dieser geeignet oder fähig waren; die Arbeit war um so härter, als sie von kranken, entkräfteten und vollständig unterernährten Menschen verlangt wurde.

Die Internierten wurden hauptsächlich zur Ausbeutung dar Schieferlager und zum Bau von Fabriken verwendet.

Die drei Baracken des KZ in Spaichingen.

„Grausame Roheit
Sie waren nicht nur im Lager, sondern auch auf der Arbeitsstätte und unterwegs den widerrechtlichen Mißhandlungen und Grausamkeiten und der Brutalität der gerichtlich vielfach vorbestraften Aufseher und Kapos ausgesetzt; alle diese führten nicht nur die empfangenen Befehle mit äußerster Härte aus, sondern schlugen aus unbedeutenden Gründen oder vollkommen grundlos, mit Fäusten oder Knütteln auf die Internierten ein oder mißhandelten sie mit Fußtritten.

Einzelne Aufseher schlugen die Internierten mit grausamer Roheit, bis sie bewußtlos wurden, und traten dann ihre unglücklichen Opfer zu Tode; aus Zeugenaussagen erhellt sogar, daß in gewissen Lagern, namentlich in Dautmergen, einem der schärfsten Läger Deutschlands, Internierte, die vollständig am Ende ihrer Kraft waren, ihre letzte Zuflucht dazu nahmen, sich mitten unter Leichen zu verstecken, um sich vor einer Arbeit zu retten, die, wie sie wußten, ihr Schicksal be­siegeln würde.

Es war zwar grundsätzlich eine Baracke dazu bestimmt, als Krankenrevier des Lagers zu dienen; es gab darin in Wirklichkeit aber nicht ein einziges Medikament; selbst in Fällen schwerster Erkrankung war die Behandlung nur unzureichend; die unter den Internierten aus­gesuchten Arzte wurden oft geschlagen und waren bei der Ausübung ihrer Tätigkeit von den Aufsehern und Kapos abhängig, die eine nur beschränkte Zahl im Revier aufzunehmender und arbeitsunfähig zu schreibender Kranken zuließen, ohne Rücksicht auf die vom Arzt vorgebrachten zwingenden Gründe, lediglich darauf bedacht, die Arbeitskraft bis zum Höchstmaß auszunutzen.

Krankenschwester bedroht
Im Lager Spaichingen namentlich erhielt eine deutsche Krankenschwester das ausdrückliche Verbot, andere Fälle als reine Arbeitsunfälle zu behandeln; man bedrohte sie, weil sie gegenüber Lagerinsassen zu menschlich war.   

Nackte Leichen blieben mehrere Tage hinter den Baracken liegen, sie wurden dann in Kisten gestopft und mit Füßen getreten oder sogar auf der Erde bis zur Leichenkammer geschleift; die Goldzähne wurden systematisch herausgerissen und eingesammelt.

Selbst unter Berücksichtigung der allgemeinen Lage in Deutschland war die Verpflegung in allen Lagern stets sehr schlecht und vollkommen unzureichend; sie bestand gewöhnlich und fast ausschließlich aus einem Liter Wasser, in dem man Kraut, Rüben, Löwenzahn oder sogar Brennesseln, die nach der Arbeit auf dem Felde gesammelt worden waren, gekocht hatte.

Lebensmittelunterschlagungen
Die Köche, Blockleiter und Aufseher begingen zahlreiche Lebens­mittelunterschlagungen, durch welche die an sich schon sehr un­genügenden Rationen beträchtlich verringert wurden.

Unter diesen Umständen war die Sterblichkeit als Folge der Unter­ernährung und der Roheitsakte, welche Ruhr und Tuberkulose ver­ursachten, sehr erheblich; in verschiedenen Lagern scheint die Sterb­lichkeit einen geringeren Umfang gehabt zu haben, dies allerdings nur deshalb, weil die Internierten, die zu krank oder zu schwach waren, um arbeiten zu können, in andere Lager überführt und sofort durch andere Internierte ersetzt wurden, die dasselbe Schicksal erleiden mußten.

Auf Grund der Aussagen aller vernommenen Zeugen ist festzustellen, daß die Lager eine furchtbare Einrichtung waren, daß einzelne von ihnen sogar, z.B. das Lager Dautmergen, als wahre Vernichtungslager anzusehen sind.

Es hat den Anschein, daß der Aufenthalt im Konzentrationslager Erzingen, in dem sich Internierte in geringerer Anzahl befanden, meist namenlose, weniger hart war als in anderen Lagern; es ist dennoch eine Tatsache, daß die Unterkunft und die Verpflegung in diesem Lager genau so ungenügend waren und der Arbeitsdienst genau so hart.

In diesem Lager, das anscheinend einen ganz anderen Charakter hatte, konnten die Gefangenen infolge ihrer geringeren Zahl ein stärkeres Solidaritätsgefühl gegenüber den SS-Aufsehern an den Tag legen. Dank der hingebenden Tätigkeit und der Entschlußkraft des französischen Lagerarztes, der zu den Internierten gehörte, konnten die Kranken wenigstens die unerläßlich notwendige Behandlung erhalten.

Indessen gab es auch in diesem Lager einige Aufseher von äußerster Brutalität:
Schwarz, Hartjenstein und Schmidetski haben sich in ihrer Eigenschaft als Leiter der Nebenlager zu verantworten, die den Gegenstand dieses Prozesses bilden und ihrer Befehlsgewalt und ihrer Kontrolle unterstellt waren.

Abgesehen von etwaigen Dienstbefehlen, die sie von ihrer vorgesetzten Behörde erhielten, gehörte die Überwachung der sachlichen Angelegenheiten und der körperlichen und moralischen Verfassung der Internierten zu ihren Obliegenheiten.

Sie hatten sich namentlich bei ihren Besichtigungen über die Befolgung der von ihnen erteilten allgemeinen Befehle zu vergewissern; viele hatten ganz besonders darüber zu wachen, daß die vorschriftsmäßigen Rationen zur tatsächlichen Verteilung gelangen, und hatten dem Verbot, die Internierten zu schlagen, Geltung zu verschaffen.

Mangelhafte Kontrolle
Die Behauptung dieser Leiter, ihre Pflichten erfüllt zu haben, kann kein Gehör finden; sie waren, da sie die Lager zu Tageszeiten aufsuchten, zu denen die Internierten sich auf ihren Kommandos befanden, tatsächlich garnicht in der Lage, sich von ihrem Zustand zu überzeugen und ihre Beschwerden entgegenzunehmen.

Sie haben es überdies unterlassen, sich über die Todesfälle zahlen­mäßige Nachweise vorlegen zu lassen, die es ihnen gestattet hätten, nach den Gründen der unglaublich hohen Sterblichkeit zu forschen. Sie haben durch ihre Handlungsweise die Begehung der den Mitangeklagten zur Last gelegten Verbrechen ermöglicht und haben sie erleichtert.

Vergebens berufen sich diese drei Angeklagten darauf, daß die industriellen Unternehmungen ebenso wie die Organisation Todt, zu deren Verfügung die Internierten standen, ihren Verpflichtungen, namentlich in Bezug auf Verpflegung, nicht nachgekommen sind; es war unbedingt ihre Aufgabe, bei jenen Organisationen auf die genaue Beachtung ihrer Verpflichtungen zu dringen.

Die Mehrzahl der übrigen Angeklagten beschränkt sich auf einfaches Leugnen. Einzelne von ihnen geben die Begehung der ihnen zur Last gelegten Straftaten teilweise zu, versuchen jedoch — allerdings erfolglos — deren Häufigkeit und Schwere abzuschwächen.

In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle liefern die zahlreichen und übereinstimmenden eidlichen Zeugenaussagen genügenden Beweis für die tatsächliche Verübung der unter Anklage gestellten Straftaten, die dazu beigetragen haben, nicht nur die körperliche und moralische Verelendung vieler Internierter, sondern auch den Tod mehrerer Tausend von ihnen herbeizuführen.

Einige Angeklagte verschanzen sich, soweit es sich um die von ihnen verübten Gewalttaten handelt, hinter den ihnen nach dieser Richtung hin erteilten Beiehlen.

In der Verhandlung vor Gericht hat sich jedoch ergeben, daß das gesamte Personal den Befehl erhalten hat, keinerlei Gewalttätigkeit gegen die Internierten zu begehen.

Einige Angeklagte behaupten, sie wären zwecks Aufrechterhaltung der Ordnung veranlaßt worden, zu schlagen; mehrere Lagerchef haben jedoch zugegeben, daß derartige Rohheitsakte unnötig waren.

Das Hohe Gericht stellt überdies fest, daß die den Internierten zugefügten Mißhandlungen in keinem Verhältnis zu der angeblichen Notwendigkeit disziplinarer Art standen.

Es ist schließlich von Bedeutung, nachdrücklich zu betonen, daß manche Gewalttätigkeiten, wenn sie die körperliche Unversehrtheit der Internierten auch nicht unmittelbar beeinträchtigten, dennoch ihrer Art nach eine schwere Verletzung der menschlichen Würde darstellen“. (Teil II folgt)

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