Gefragt

Ein totes Kind in Aldingen mahnt

(tutut). Es ist eine dieser Meldungen, die man fast schon mit einer gewissen Regelmäßigkeit zur Kenntnis nimmt, wäre da nicht die Ortsangabe auf www.spiegel-online.de :“Spaichingen“. Spaichingen? Da, wo Einkaufen noch Freude macht? Da, wo die Claretiner hoch oben vom Berg über die Gemeinde wachen? Wo samstags die Straße gefegt und anschließend die Bordsteine hochgeklappt werden?

In diesem beschaulichen Niemandsland zwischen Prim und Heuberg, hier soll ein 2-jähriges Kind an Verwahrlosung und Vernachlässigung gestorben sein? Sowas kannte man bislang nur von ostdeutschen Plattenbau-Siedlungen und Ballungszentren. Wie kann  so etwas passieren in einer Stadt, wo die Nachbarn aufeinander aufpassen, ob man will oder nicht. Hat keiner hingeschaut oder hat man gar weggeschaut? Hat die soziale Kontrolle, haben die Behörden versagt? Alles Fragen, denen jetzt die Staatsanwaltschaft nachgeht. Die Kindsmutter jedenfalls sitzt wegen Verdachtes auf Tötung durch Unterlassen in U-Haft.

Bei genauerem Nachlesen fällt einem ein Stein vom Herzen, muß man doch sein Heimatbild nicht korrigieren: Es war nicht in Spaichingen, sondern in Aldingen! Gottseidank ist man versucht zu sagen, zumindest als Spaichinger. Das Hamburger Magazin unterscheidet da nicht. Spaichingen oder Aldingen, Jacke wie Hose. Verwaltungsgemeinschaft hin oder her.

Aber gibt es sie nicht doch, die feinen Unterschiede? Ist nicht Aldingen im Gegensatz zu Spaichingen evangelisch geprägt, mit wenig Fastnachtskultur? Und holten nicht schon in der Weimarer Zeit die Braunen in Aldingen regelmäßig bessere Wahlergebnisse als im zentrumskatholischen Spaichingen? Kein Wunder also, ist man versucht zu sagen.

Doch vielleicht sieht man mit der groben geographischen Brille aus Hamburg doch deutlich schärfer als vor Ort: Was, wenn es tatsächlich keinen Unterscheid macht, ob Aldingen oder Spaichingen? Könnte es in Spaichingen nicht genauso passieren? Die Wahrscheinlichkeit lehrt: ja, es könnte! So wie das Verbrechen im beschaulichen Winnenden einfiel. Kann man so etwas Schlimmes verhindern? Wohl eher nicht. Aber unabhängig vom Ausgang der Ermittlungen mahnt uns der Tod dieses Mädchens zu mehr gegenseitiger Aufmerksamkeit ohne Blockwartmentalität, zu mehr Mitmenschlichkeit ohne Besserwisserei, zu mehr Rücksichtnahme.

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